August

 

Sehnsucht.

 

Es schienen so golden die Sterne,

Am Fenster ich einsam stand

Und hörte aus weiter Ferne

Ein Posthorn im stillen Land.

Das Herz mir im Leib entbrennte,

Da hab’ ich mir heimlich gedacht:

Ach wer da mitreisen könnte

In der prächtigen Sommernacht!

 

Zwei junge Gesellen gingen

Vorüber am Bergeshang,

Ich hörte im Wandern sie singen

Die stille Gegend entlang:

Von schwindelnden Felsenschlüften,

Wo die Wälder rauschen so sacht,

Von Quellen, die von den Klüften

Sich stürzen in die Waldesnacht.

 

Sie sangen von Marmorbildern,

Von Gärten, die über'm Gestein

In dämmernden Lauben verwildern,

Palästen im Mondenschein,

Wo die Mädchen am Fenster lauschen,

Wann der Lauten Klang erwacht,

Und die Brunnen verschlafen rauschen

In der prächtigen Sommernacht.

Josef von Eichendorff

 

 

Juli

 

Meeresstrand

 

Ans Haff nun fliegt die Möwe,
Und Dämmrung bricht herein;
Über die feuchten Watten
Spiegelt der Abendschein.

 

Graues Geflügel huschet
Neben dem Wasser her;
Wie Träume liegen die Inseln
Im Nebel auf dem Meer.

 

Ich höre des gärenden Schlammes
Geheimnisvollen Ton,
Einsames Vogelrufen –
So war es immer schon.

 

Noch einmal schauert leise
Und schweiget dann der Wind;
Vernehmlich werden die Stimmen,
Die über der Tiefe sind.

Theodor Storm

Rose weiß, Rose rot,

wie süß ist doch dein Mund,

Rose rot, Rose weiß,

dein denk ich alle Stund,

alle Stund bei Tag und Nacht,

 daß dein Mund mir zugelacht,

dein roter Mund.

 

 Ein Vogel sang im Lindenbaum,

ein süßes Lied er sang,

 Rose weiß, Rose rot,

das Herz im Leib mir sprang,

 sprang vor Freude hin und her,

 als ob dein Lachen bei ihm wär,

so süß es klang. Rose weiß,

 

Rose rot, Rose rot,

was wird aus mir und dir?

Ich glaube gar, es fiel ein Schnee,

dein Herz ist nicht bei mir,

nicht bei mir, geht andern Gang,

falsches Lied der Vogel sang

von mir und dir.

Hermann Löns 1866-1914

 

 

 

Frühling

 

Pfingsten

 

Zwischen Tulpenflammen und Narzissen

Springen unter schweren Fliederbüschen

Kleine Mädchen losen Haars

im Garten. Lerne, Herz!

Die kleinen Mädchen wissen Mehr vom Glück,

als du; mit ihrem Springen

Loben sie den heiligen Geist der Pfingsten

 

Zwischen Tulpenflammen und Narzissen.

Denn der heilige Geist ist ausgegossen

In den glutenbunten Tulpenflammen,

Und er heißt: Seid fröhlich, Menschenkinder!

Jede Blume, glorienumflossen, Ist, dem Haupt

Mariens gleich, ein Abbild Milder,

tiefer, süßer Gottesliebe ...

Denn der heilige Geist ist ausgegossen.

Otto Julius Bierbaum (1865 - 1910)

 

Frühlingsabend

 

Wenn die Sonne untergeht,

wird es still im Garten.

Wind, der übertag geweht,

Denkt: Jetzt will ich schlafen.

 

Vogel, der zu Neste ging.

Duckt das Köpfchen nieder.

Fliegt ein dunkler Schmetterling

heimlich um den Flieder.

 

Gehen die Kinder all zur Ruh,

wilden wie die braven,

guckt der Mond vom Himmel zu,

Spricht: Nun sollt ihr schlafen.

 

Singt wohl eine Nachtigall

in die Blütenbäume –

weht ein süßer Widerhall

durch die Kinderträume.

© Victor Blüthgen

Es hat die warme Frühlingsnacht

 

Es hat die warme Frühlingsnacht

die Blumen hervorgetrieben,

und nimmt mein Herz sich nicht in acht,

so wird es sich wieder verlieben.

 

Doch welche von den Blumen alln

wird mir das Herz umgarnen?

Es wollen die singenden Nachtigalln

mich vor der Lilie warnen.

© Heinrich Heine

Frühling

 

Nun ist er endlich kommen doch

in grünem Knospenschuh.

„Er kam, er kam ja immer noch!“

Die Bäume nicken sich´s zu.

 

Sie konnten ihn all erwarten kaum.

Nun treiben die Schuß auf Schuß,

im Garten der alte Apfelbaum,

er sträubt sich, aber er muß.

 

O schüttle ab den schweren Traum

und die lange Wintersruh:

Es wagt´s der alte Apfelbaum,

Herze, wag´s auch du!

© Theodor Fontane

 

Frühlingsball der Tiere

 

Es war die erste Maiennacht.
Kein Mensch im Dorf hat mehr gewacht.
Da hielten, wie es stets der Fall,
Die Tiere ihren Frühlingsball.
Die Gans, die gute Adelheid,
Fehlt nie bei solcher Festlichkeit.
Obgleich man sie nach altem Brauch
Zu necken pflegt. So heute auch.
»Frau Schnabel«, nannte sie der Kater.
»Frau Plattfuß!« rief der Ziegenvater.
Doch sie, zwar lächelnd, aber kühl,
Hüllt sich in sanftes Selbstgefühl.
So saß sie denn in ödem Schweigen
Allein für sich bei Spiel und Reigen,
Bei Freudenlärm und Jubeljux.
Sieh da, zum Schluß hat auch der Fuchs
Sich ungeladen eingedrängelt.
Schlau hat er sich herangeschlängelt.
»Ihr Diener«, säuselt er galant,
»Wie geht's der Schönsten in Brabant?
Ich küss' der gnäd'gen Frau den Fittich.
Ist noch ein Tänzchen frei, so bitt' ich.«
Sie nickt verschämt: »O Herr Baron!«
Indem so walzen sie auch schon.
Wie trippeln die Füße, wie wippeln die Schwänze
Im lustigen Kehraus, dem letzten der Tänze.
Da tönt es vier mit lautem Schlag.
Das Fest ist aus. Es naht der Tag.
Bald drauf, im frühsten Morgenschimmer,
Ging Mutter Urschel aus, wie immer,
Mit Korb und Sichel, um verstohlen
Sich etwas fremden Klee zu holen.
An einer Hecke bleibt sie stehn.
»Herrje, was ist denn hier geschehn?
Die Füchse, sag' ich, soll man rädern.
Das sind wahrhaftig Gänsefedern.
Ein frisches Ei liegt dicht daneben.
Ich bin so frei, es aufzuheben.
Ach, armes Tier«, sprach sie bewegt,
»Dies Ei hast du vor Angst gelegt.«

 (Wilhelm Busch)

 

Was rauscht und braust...

 

Was rauscht und braust so vor der Tür?

Was singt so süße Melodein?

Herein, wer draußen ist! Herein!

„Ich bin´s ! der Frühling ist dafür!

Ich warte nur auf Sonnenschein,

da komm ich gleich zu Dir herein!“

 

Und sieh, die Sonne tauch empor,

und wie sie freundlich scheint und lacht,

da schmilzt das letzte Eis der Nacht.

Nun hastig auf mit Tür und Tor!

„Herein, in meine Arme schnell.

Willkommen, du blühender Gesell.“

 

Da muß die Lerch´ in hellem Schein

den ersten Gruß entbieten.

Da stürmt der Frühling hinterdrein

Mit hunderttausend Blüten.

© Theodor Storm

Bin heut im erstarrten Garten gewesen,

Wo ich in Deinem Auge einst Lieder gelesen;

Wo die Biene den Tropfen Seligkeit sog,

Und wie ein Stückchen Himmel der Schmetterling flog.

Wo der Mond aufstieg wie der Liebe Lob,

 Wie ein Herz das sich von der Erde hob,

Und wo jetzt die Wurzeln der Blumen verwesen,

 Hab ich in toten Blättern noch Lieder gelesen.

Max Dauthendey (1867 - 1918)